Die gesunde Scheidenflora

Die Scheidenflora einer gesunden Frau ist mit einem ausgeglichenen Ökosystem vergleichbar. Zahlreiche nützliche Mikroorganismen stabilisieren durch ihre Aktivität das Gleichgewicht des Scheidenmilieus. Bereits kurz nach der Geburt besiedeln vorwiegend von der Mutter übertragene Keime die Haut und Schleimhäute des Kindes. Bei Mädchen entwickelt sich schon in den ersten Lebenswochen die Mikroflora der Scheide, deren Zusammensetzung sich abhängig vom Lebensalter und der körperlichen Entwicklung stetig verändert. Mit Einsetzen der Geschlechtsreife übernimmt die bakterielle Besiedlung eine wichtige Schutzfunktion. Die Mikroorganismen beeinflussen durch ihre Stoffwechselvorgänge die Umgebungsbedingungen und verhindern so, dass sich potenziell schädliche Keime ausbreiten.

Sauer ist gesund: Wirkung von Milchsäurebakterien

Die wichtigsten „Bewohner“ der Vaginalflora sind Mikroorganismen aus der Familie der Milchsäurebakterien (Laktobazillen). Ihre Anwesenheit und uneingeschränkte Entfaltung in der Scheide ist von essentieller Bedeutung für Abwehr von Krankheitserregern.

Schutzmechanismen des sauren Scheidenmilieus

Die Zellen der Vaginalschleimhaut produzieren unter dem Einfluss des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen Zucker. Laktobazillen fühlen sich in dieser Umgebung besonders wohl, denn sie nutzen den in den Scheidenzellen vorhandenen Zucker (Glykogen) für ihre Stoffwechselprozesse. Dabei erzeugen sie Milchsäure als Abbauprodukt, wodurch das charakteristisch saure Milieu der Scheide mit einem pH-Wert zwischen 3,8 und 4,4 entsteht. Diese Umgebungsbedingungen ermöglichen weiters die Freisetzung von Stickstoffmonoxid (NO), welches die Zellmembran von Bakterien und die Eiweißhülle von Viren schädigt.

Schutzfunktion von Wasserstoffperoxid (H2O2)

Milchsäurebakterien benötigen keinen Sauerstoff, um zu leben. Einige von ihnen sind jedoch dazu fähig, Sauerstoff zu verwerten und im Rahmen ihres Stoffwechsels Wasserstoffperoxid (H2O2) zu erzeugen. Diese Verbindung hat eine desinfizierende Wirkung, insbesondere gegenüber Bakterien, die unter Ausschluss von Sauerstoff (anaerob) leben.

Natürliche Zusammensetzung der Scheidenflora

Von den mehr als 200 verschiedenen Laktobazillus-Arten bilden etwa fünf bis sieben Stämme den Hauptanteil der „Bewohner“ der natürlichen Scheidenflora. Deren Aufbau ist aber keineswegs immer gleich. Gemeinsam mit den hormonellen Veränderungen schwankt auch das mikrobiologische Gleichgewicht im Leben einer Frau. Die Östrogen-Ausschüttung ist sowohl im Verlauf des weiblichen Zyklus, als auch mit dem Beginn der Wechseljahre natürlichen Änderungen unterworfen, was in Folge Einfluss auf die Lebensbedingungen der Milchsäurebakterien hat.

Neben der großen Zahl an Laktobazillen sind noch unzählige andere Keime in der Vagina nachweisbar. Auch Hefepilze oder anaerob lebende Bakterien, die als potentielle Krankheitserreger bekannt sind, können Teil der natürlichen Scheidenflora sein. Die alleinige Anwesenheit dieser Keime führt aber nicht zwingend zu einer Erkrankung. Entscheidend für ihre pathogene Wirkung ist vielmehr, wie stark sie sich ausbreiten und vermehren können sowie das Mengenverhältnis, in dem sie den nützlichen Mikroorganismen gegenüberstehen.

Individuelle Unterschiede in der Zusammensetzung der Scheidenflor

Aufbau und Zusammensetzung der Scheidenflora sind von Frau zu Frau unterschiedlich. Der Gesamtanteil der Milchsäurebakterien ist variabel, ebenso sind Schwankungen innerhalb der einzelnen Keimfamilien möglich. Im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen wurde gezeigt, dass auch Frauen mit einem normalen Milchsäurebakterien-Anteil in der Scheide an dem Beschwerdebild einer bakteriellen Vaginose leiden können, wenn nur wenige der vorhandenen Mikroorganismen zur Wasserstoffperoxid-Bildung fähig sind. Allerdings gibt es auch Frauen, die überhaupt keine Milchsäurebakterien in der Scheide haben und dennoch keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen erfahren. Durch die Abwesenheit der Laktobazillen sinkt der Säuregehalt in der Vagina. Trotz eines relativ hohen pH-Wertes von etwa 5 bleiben diese Frauen aber beschwerdefrei.

 

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